Gesellschaft
Finnland und die Finnen - bisweilen ein bisschen wortkarg
Die Gesellschaft in Finnland kennen zu lernen, bedeutet, die Gesellschaft der Finnen kennen zu lernen. Finnen gelten meistens als eher zurückhaltend, wenn nicht gar als SEHR zurückhaltend und sparsam im Ausdruck. Kostprobe? „Er lachte. Der emotionsscheue Kimi Räikkönen lachte tatsächlich in aller Öffentlichkeit. Das kommt sehr selten vor - entweder fallen Weihnachten und Ostern auf einen Tag oder der Ferrari-Pilot hat beste Laune und just ein Formel-1-Rennen gewonnen." Mit diesen Sätzen beginnt eine Berichterstattung über Kimi Räikkönens Sieg bei der Formel-1-WM im Oktober 2007. Dieses Bild wurde in einer deutschen Lokalzeitung vom Finnen Kimi Räikkönen gezeichnet und der Formel-I-Fahrer gilt keineswegs als ein Einzelfall.
Zahlreich sind die Finnland-Beschreibungen, in denen Finnen - insbesondere die männlichen Finnen - als zurückhaltend bis unnahbar, als wortkarg und regungslos dargestellt werden. Und da ist sicher etwas dran! Das Laute, Gefühlsbetonte, Geschwätzige ist des Finnen Sache nicht! Es scheint, dass das Bibelzitat „Deine Rede sei ja oder nein" in Finnland sehr stark verinnerlicht worden ist. Legendär ist das Schweigen der Finnen - die knappen Dialoge in Kaurismäki-Filmen mögen zwar überzogen sein, doch irgendwie spiegeln sie das Kommunikationsverhalten in Finnland auch treffend. Die vielleicht tiefgründig-poetischste Beschreibung der schweigsamen Finnen stammt von Bertolt Brecht: „Der Flüchtling sitzt im Erlengrund [...] und sieht ein Volk, das in zwei Sprachen schweigt." Gemeint sind damit die beiden in Finnland gesprochenen Landessprachen: Finnisch und Schwedisch. Seit der Erfindung des Handys wird man jedoch bisweilen auch eines Anderen belehrt: In Bussen, Zügen, auf der Straße, im Geschäft - überall klingelt es und kommunikative Finninnen und Finnen plaudern unbekümmert drauf los. Trotzdem finden es Finnen auch heute durchaus einer Erwähnung wert, wenn ihnen jemand KOVA PUHUMAAN erscheint, wörtlich übersetzt: „stark im Reden".
Regionale Unterschiede und sorgsame Wortwahl
Allgemein heißt es von den Bewohnern der ostfinnischen Regionen in Finnland Karelien und Savo, dass sie temperamentvoll und gesprächig seien, wogegen die Bewohner der Landschaft Häme am anderen Ende der Skala in Sachen Redefreudigkeit stehen. Unabhängig von persönlichen und regionalen Unterschieden darf man davon ausgehen, dass Finnen das gesprochene Wort ernst nehmen. Das wiederum bedeutet, dass Finnen sich in der Regel nicht leichtfertig äußern, sondern ihre Worte genau abwägen. Finnisch ist zudem arm an Fremdwörtern. In Finnland baut man keine Mauer mit unverständlichen Begriffen. Auch neue Begriffe, die etwa durch technische Entwicklung erforderlich werden, entstehen in Finnland aus dem eigenen Wortbestand der Finnen. Zwei Beispiele aus der Computersprache: Homepage wird in Finnland durch „Heimseite" (KOTISIVU) wiedergegeben, zu Spam sagen die Finnen „Müllpost" (ROSKAPOSTI).
Kommunikationsstil in Finnland
Die Ausdrucksweise der Finnen ist somit meist klar und verständlich. Was sie zu sagen haben, sagen sie präzise, knapp und schnörkellos - die Kunst des Small Talks wird in Finnland weniger gepflegt. Wie beschrieb es der Schriftsteller Hannu Raittila ironisch-humorvoll in seinem Roman Canale Grand: „An Fremdsprachen stört den Finnen immer, dass die Sätze alle möglichen überflüssigen Redewendungen und Höflichkeitsfloskeln enthalten. Sie machen es kompliziert und peinlich, eine Sprache zu sprechen, und trüben die Bedeutung des Gesagten. In Finnland sagt man alles auf möglichst einfache und eindeutige Weise und dann wartet man ab, wie der andere reagiert. Hat man nichts zu sagen, ist man still." Eine Kostprobe des Kommunikationsstils in Finnland können Sie mitunter bereits bei der Anreise erhalten. Eine finnische Stewardess fragt Sie möglicherweise mit einem einzigen Wort nach Ihrem Getränkewunsch: JUOTAVAA? (zu trinken?). Das klingt sachlich und monoton und ist meilenweit entfernt von dem, was etwa die englische Kollegin zum Fluggast sagen würde: „What would you like to drink today?" Auch in den Alko-Geschäften lässt sich der Umgangsstil in Finnland vortrefflich studieren. Nehmen Sie eine Flasche Wein aus dem Regal und suchen Sie die Beratung durch einen Mitarbeiter. Vermutlich werden Sie erfahren, wie viel Säure der Wein enthält und wie hoch der Alkoholprozentsatz ist - nüchterne Analysewerte, sachlich vorgetragen. Vergleichen Sie das einmal mit einem entsprechenden Gespräch in einem südlicheren Land! Nicht selten ist zu hören, dass Anfragen an Finnen - insbesondere in elektronischer Form übermittelt - lange Zeit oder gar völlig unbeantwortet bleiben. Falls Sie diese Erfahrung machen sollten, versuchen Sie, einen Gesprächspartner zu finden und scheuen Sie sich nicht, ihn anzurufen. Nach einem persönlichen Gespräch öffnen sich Türen und Tore in Finnland oftmals leichter.
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